Brot und Spiele – Von sozialen Missständen und Party-Patriotismus

Geschrieben vom Bundessprercher_innenrat der Linksjugend [’solid]

Vom 12. Juni  bis zum 13. Juli 2014 findet die Männer-Fußball-WM statt und in Deutschland erhöht sich mit Songs wie „Deutschland schießt ein Tor“ und großem „schwarz-rot-gelbe-Fahnen-ans-Auto-machen“ die unausweichliche Präsenz von Patriotismus. Sogar Menschen, die ansonsten mit Fußball wenig am Hut haben, fiebern plötzlich mit, für die “deutschen Jungs” und “unsere Nationalelf”. Alles gesunder Partypatriotismus und sowieso voll verkrampft, da rum zu meckern? NÖ!

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DU bist Deutschland? Wieso eigentlich?

Patriotismus ist kein ungefährlicher Stolz oder das Anfeuern eines bestimmten Fußballteams, sondern eine Konsequenz der Konstruktion von Nationen, die Menschen ausschließen und gefährden. Damit dieses System am Leben gehalten werden  kann, braucht es auch nationale Identitäten. Diese werden über Medien, Schulunterricht aber auch einfach nur durch Symbole erzeugt. Indem wir  zum Beispiel. alle mit Deutschlandfahnen wedeln oder uns schwarz rot gelbe Schminke ins Gesicht malen, zeigen wir zu welcher Nation wir  gehören und wo unser Platz auf diesem Planeten sein soll. Menschen, die eine bestimmte Nationalität haben, werden außerdem unter dem Motto “Die sind eben so” bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Hierfür werden Gemeinsamkeiten zwischen Menschen in einem Land betont, obwohl es Unterschiede gibt und Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Länder betont, obwohl es Gemeinsamkeiten gibt. Die Konstruktion solcher nationaler Identitäten ist nicht nur blödsinnig, sondern führt auch zu Vorurteilen und Rassismus, spätestens wenn beispielsweise von “faulen Griechen” gesprochen wird.

Wo es ein WIR gibt, gibt es auch ein “die Anderen”

 Nationalismus oder Patriotismus, das heißt immer auch Ausgrenzung durch Unterscheiden zwischen Menschen, die der Nation zugehören und “den Anderen”. Willkürlich wird anhand von Merkmalen wie der Herkunft festgelegt, wer angeblich natürlicherweise deutsch sein darf und wer eben nicht. Menschen, die es nicht sind, werden abgewertet, beispielsweise durch rassistische Einwanderungspolitik und Abschiebung von Geflüchteten, der Einschränkung des Wahlrechts von Menschen ohne deutschen Pass sowie Alltagsrassismus in all seinen Facetten. Schon vor der WM wird diskutiert, ob denn auch alle die deutsche Nationalhymne mitsingen und bei Özil oder Khedira ganz genau hingeschaut, weil sie aus dem Raster des Deutschen, wie Nationalist*innen sich sie vorstellen, fallen. Der ehemalige DFB-Präsident Mayer-Vorfelder, der eine Hymnenpflicht fordert, sagt dazu, “einen “halben Deutschen” darf es eben nicht geben“. Das zeigt, dass auch im angeblich so modernen deutschen Nationalstolz völkische Vorstellungen noch immer eine Rolle spielen und Menschen auf ihren “Migrationshintergrund” reduziert werden.

Nationalismus und soziale Missstände 

Nationen sind konstruiert und haben schlimme Nebenwirkungen – trotzdem wird Deutschland (nicht nur) zur WM gefeiert. Eine Konsequenz der Vorstellung man sei Teil einer nationalen Gemeinschaft ist, dass dies von den Zuständen, die uns im Alltag eines kapitalistischen Systems begegnen, ablenkt. Von Leistungsdruck, schlechter Bezahlung, fehlender Zeit zum Chillen und Spaß haben. Von diesem Effekt wird gerade in Krisenzeiten Nutze gemacht, wenn zur Legitimation von Kürzungen „nationale Interessen“ beschworen werden, zugunsten derer eben alle im Land “den Gürtel enger schnallen” müssen. Das funktioniert vielleicht insofern, als dass Deutschland auf Kosten anderer europäischer Länder billiger exportieren kann und für Unternehmen ein attraktiverer Wirtschaftsstandort wird als konkurrierende Nationen, eine solidarische Gesellschaft und ein schönes Leben für alle erreichen wir dadurch sicher nicht.

Und wie sieht’s vor Ort aus ?

Derzeit wehren sich viele Brasilianer*innen gegen die Männer WM, es gibt zahlreiche Streiks im öffentlichen wie im privaten Sektor sowie Demonstrationen, die sich gegen die WM richten. Haben die einfach keinen Bock auf die WM? Nein, um ihren Unmut zu verstehen muss man genauer hinschauen. Jedes mal, wenn eine solche WM stattfindet, bedeutet das einen hohen finanziellen Aufwand für das Gastgeberland. Das Geld fehlt später in den Staatshaushalten und kann nicht für sinnvolle Projekte eingesetzt werden. Gerade am Beispiel Brasilien 2014 sieht man eindrucksvoll, wo der Staat seine Prioritäten setzt. Anstatt dringend notwendige infrastrukturelle Projekte, wie Schul- und Straßenbau sowie Ausbau von öffentlichem Nahverkehr, Sanierung und Ausbau von Krankenhäuser, die das Land dringend braucht, oder die Senkung der Armut die im Land allgegenwärtig ist, anzugehen, steckt man das Geld in das Prestigeprojekt WM, das unvorstellbare Summen verschlingt. Brasilien ist nur ein aktuelles Beispiel dafür was bei solchen Events regelmäßig schief läuft.

Wer Profitiert davon?

Um ein so großes Ereignis zu finanzieren bedarf es einer Menge Geld. Umgerechnet wurden in Brasilien 11 Milliarden Euro für die WM ausgegeben, mehr als je zuvor: Für Stadien, Transportstrecken und Sicherheit. Für Sicherheit alleine wurden 8oo Millionen ausgegeben. Ein unbekannter Teil des Geldes ging in Bestechungsgelder für Politiker*innen, die für die Vergabe der Aufträge verantwortlich sind. Diese Aufträge werden von multinationalen Großkonzernen, wie zum Beispiel Siemens, ausgeführt, das heißt, dass der größte Teil des Geldes nicht einmal in Brasilien bleibt sondern an multinationale Konzerne geht. Auch die großen Sportmarken versprechen sich viel von einer WM. Adidas alleine hat 300 Millionen für die Ausstattung der Teams ausgegeben, wovon sie sich einen Gesamtgewinn von 2 Milliarden Euro an Gewinn versprechen.

Verkaufen, Verdrängen, Vergessen

Seit Monaten gehen die Menschen in Brasilien auf die Straße. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe, sie alle hängen aber mit der WM zusammen. Für den Bau der Stadien wurden in ganz Brasilien viele Menschen ihrer Häuser und ihren Lebensraumes beraubt. Nicht nur die indigene Bevölkerung in den östlichen Teilen Brasiliens wurden für den Bau von Stadien verdrängt sonder auch die ohnehin armen Menschen in den Favelas vieler Großstädte mussten Platz machen für Prestigeprojekte. Dringend notwendige Infrastrukturprojekte, wie Straßenbau und Ausbau des Verkehrsnetzes müssen sich wegen der WM hinten anstellen. Genau so ergeht es der Bildung und dem Gesundheitswesen, wo Investitionen dringend notwendig sind. Und nicht zuletzt ist die Armut in Brasilien allgegenwärtig. Die Menschen in Brasilien haben bessere Löhne, eine vernünftige Infrastruktur, gute Bildung und vor allem ein menschenwürdiges Leben, verdient.

Nur das Geld zählt

Wenn wir die WM kritisieren, müssen wir auch den Weltfußballverband, die Fifa, unter die Lupe nehmen. Die FiFa ist zunächst einmal ein riesiges undurchsichtiges Konglomerat. 90% seiner Einnahmen bezieht FiFa aus den WMs . Alleine im Zeitraum von 2007 bis 2014 erwirtschaftete die FiFa 4 Milliarden Euro. Dennoch arbeitet die FiFa höchst instransparent, viele Entscheidungen können von der Allgemeinheit nicht nachvollzogen werden. Dies beweisen alleine die regelmäßig aufkommenden Korruptionsvorwürfe, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der WM 2022 in Katar. Auch die strikt durchgesetzten Marketingrechte des Verbandes geraten immer wieder in die Kritik, gerade weil außer der FiFa und ihren Sponsoren niemand von den Einnahmen profitiert. Nur ausgewählte Händler dürfen ausgewählte Marken verkaufen, nur ausgewählte Sender die Spiele zeigen und auf den Fanmeilen darf selbstverständlich nur ausgewähltes Bier verkauft werden. Es geht nur um’s Geld allein

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2 Gedanken zu “Brot und Spiele – Von sozialen Missständen und Party-Patriotismus

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